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Heinz Kannenberg 19.03.2017 07:44 Uhr - Aktualisiert 19.03.2017 10:34 Uhr
Red. Frankfurt (Oder), frankfurt-red@moz.de

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Musikfesttage vor dem Infarkt

Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Musikfesttage an der Oder gehören seit fünf Jahrzehnten zu den Höhepunkten im deutsch-polnischen Nachbarschaftskalender. In diesem Jahr waren die Konzerte lediglich zu gut 40 Prozent ausgelastet. Neue Impulse sind dringend notwendig. Eine Betrachtung.

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Bild Musikfesttage vor dem Infarkt  

In Erwartung auf ein anziehendes Programm 2018: Die Mitarbeiterin des Kleist Forums, Rita Rehnus, hatte auch bei diesem Festival ihre Fingernägel wieder besonders originell lackiert.

© Winfried Mausolf

Der italienische Opernkomponist Giuseppe Verdi hat vor mehr als hundert Jahren dem Leiter der Mailänder Scala zugerufen: "Lesen Sie mit allergrößter Aufmerksamkeit die Rapporte der Billettkasse. Diese sind nun einmal, ob sie es mögen oder nicht, die einzigen wahren Gradmesser von Erfolg oder Misslingen." Dieser Zuruf hat heute mehr Dringlichkeit als je zuvor. Die Organisatoren der 51. Musikfesttage scheinen Verdis Spruch mindestens zu ahnen. Ihre tagelange Zurückhaltung beim Bilanzieren der Besucherzahlen in diesem Jahr - schließlich ohne ein erstes Wort zu den Gründen der schwindenden Resonanz - lässt vermuten, dass sie bei dieser schlechten Auslastung wohl um den Bedeutungsverlust der Musikfesttage fürchten. 26 Konzerte an 13 Orten diesseits und jenseits der Oder sind einerseits eine beeindruckende künstlerische Visitenkarte. Andererseits brauchen die Musikfesttage an der Oder dringend neue Impulse auch durch ein modernes Kulturmanagement, das strategisch, effizient und erfolgsorientiert Konzertbesucher gewinnt und sichert. Denn neben der Attraktivität des künstlerischen Programms entscheidet sich längst auf dem Feld der "Markenentwicklung", ob die Musikfesttage ihre Zukunft sichern können.

Nun gibt es deutschlandweit Erosionserscheinungen in der Festivallandschaft. Auch das Schleswig-Holstein Musik Festival kämpft mit der Schwierigkeit, seine Finanzierung durch die öffentliche Hand aufrechtzuerhalten und das bisher offene Ohr ihrer Sponsoren zu erreichen. Klassische Musikfesttage werden zu einem "Luxusartikel", um die die Spardebatte auch keinen Bogen macht. Die öffentliche Hand, die wie bei den Frankfurter Musikfesttagen beispielsweise durch das gesetzlich legitimierte Sponsoring der Sparkasse Oder-Spree zum erfolgreichen Festivalbetrieb beiträgt, hält sich von einer kritischen Betrachtung des Themas auffällig fern. Auch das Interesse der Kritik und des Publikums gilt überwiegend dem einzelnen Konzert, nicht dem kulturellen Phänomen Festival.

Die Frage, wie es mit dem Kulturgut Musikfesttage in einem sich rasant verändernden Markt von Freizeitangeboten weitergeht, ist schwer zu beantworten. Doch einem Infarkt kann man auch vorbeugen. Daher sind die Organisatoren der Musikfesttage an der Oder gut beraten, wenn sie selbstbewusst die Wertbeständigkeit dieses Festivals hinterfragen. Die Musikfesttage an der Oder holen dabei ihre künstlerische Inspiration aus einem gemeinsamen deutsch-polnischen Instrumentenkoffer. Das Bekenntnis dazu reicht als Alleinstellungsmerkmal in Zukunft nicht. Die Existenzberechtigung der Musikfesttage an der Oder muss sich ableiten aus der Herausgehobenheit des Angebots, der Meisterhaftigkeit des Gebotenen und der spezifischen Eigenart der Darbietung. Bei der Erfüllung dieser drei Kriterien gibt es Defizite.

Beispielsweise unterschied sich ein schlecht besuchtes Konzert "Nationalmusiken" mit sehr guten Solisten während der Festtage kaum von einem Philharmonischen Abo-Konzert in der Konzerthalle. Die Sparsamkeit erlaubt andererseits kein Engagement großer Namen. Selbst die vor einigen Jahren begonnene Zusammenarbeit mit dem Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium wird durch das zu kleine Budget zum Taumeln gebracht. So bleibt viel Kleinklein und kommt wenig künstlerisch Herausgehobenes an die Oder.

Es verstärkt sich der Eindruck, dass die treuen Frankfurter Konzertbesucher sich mit ihrem regionalen Festival, das im Umkreis von 40 Kilometern Interesse findet, zunehmend selbst feiern. Stattdessen muss es Ziel sein, auch Gäste von außerhalb zu den Festtagen zu locken. Das würde auch die Bekanntheit der Stadt in der Hauptstadtregion vergrößern und ebenso die Refinanzierung des Festivals mit gewährleisten. Das Helene Beach Festival zeigt mit anderer Klangfarbe und anderem Zielpublikum, dass für jeden Euro Investition drei bis vier Euros wieder in die Stadt hereinrollen, weil die Leute, grob gesagt, schließlich auch essen, trinken und übernachten müssen. Doch haben die Musikfesttage an der Oder ein ausreichendes Budget, um diesem Anspruch, solche Besucher anzulocken, gerecht zu werden? Nein. Der Sparsamkeit ist ebenfalls die persönliche Kopplung der künstlerischen Leitung der Musikfesttage an die Orchesterleitung des Brandenburgischen Staatsorchesters geschuldet. Diese Kopplung sollte nur vorübergehend sein.

Musikfestivals außerhalb von Metropolen finden üblicherweise während der Ferien statt. Klassik blüht im Sommer und im Freien. Schließlich steht in keiner Partitur, Musik müsse in Sälen, mit klammen Ritualen und außerhalb der Reichweite eines bezahlbaren, guten Glases Weins dargeboten werden. Auch die Oderregion hat mit ihren naturnahen Spielstätten und ihrem befreienden Ambiente das Potential, zu einer Neuentdeckung in der Festivallandschaft zu werden. Aus einem dem Infarkt nahen Musikfestival an der Oder könnte so wieder neue Anziehungskraft entstehen - durch eine neue Idee, Schwerpunkt-Verlagerung auch in die Natur, Kooperationen mit anderen Kultureinrichtungen (Austausch ihrer Produktionen) sowie junge deutsche und osteuropäische Nachwuchskünstler. Die jungen Gesangssolisten bei der Uraufführung von "Luthers Träumen" in diesem Jahr waren so ein herausragender Moment der Festtage.  Wenn es darum geht, die Musikfesttage an der Oder durch Krisenzeiten zu steuern, bedarf es weiterer solcher Momente. Dabei ist Phantasie genauso gefragt wie Hartnäckigkeit und eine auskömmliche Finanzierung.

Eine gute Entwicklung nehmen einerseits beispielsweise die Konzert- und Erlebnisfahrten nach Zielona Gora. Einst gestartet mit sechs Teilnehmern, nahmen daran in diesem Jahr 80 Konzertfreunde teil. Wie schreibt Verdi: "Die Plätze sind da, um besetzt zu werden, nicht um leer zu bleiben." Heute würde er wohl schreiben: "um gekauft zu werden". Denn andererseits von nicht gekauften Plätzen - etwa 60 Prozent bei diesen Musikfesttagen - profitiert nur die Statistik. Ein solcher Minus-Rekord bei den Besucherzahlen ist alarmierend. Es wird daher nicht ausreichen, für das kommende Jahr einfach ein neues Konzertprogramm für die Festtage zu erarbeiten. Entscheidend für das Überleben der Musikfesttage an der Oder ist auch ein hoher Eigenanteil an den Einnahmen, der im Wesentlichen aus dem Kartenverkauf erwächst. Um 2018 wieder entschieden mehr Karten zu verkaufen, muss jedoch gemeinsam mit den polnischen Partnern das Traditions-Festival an der Oder auf seine weitere Lebensfähigkeit durchgecheckt werden.

Frankfurt ist mit dem Brandenburgischen Staatsorchester und seinem charismatischen Chefdirigenten Howard Griffiths, zwei Musikschulen, der Singakademie und zahlreichen Chören eine lebendige Musikstadt. Auch darin liegt so viel Potential für den Fortbestand der Musikfesttage an der Oder.

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